Geschäft & Zukunft

Die neue Messlatte für das digitale Kundenerlebnis

Ein Kunde bestellt am Abend ein Produkt bei Galaxus, sieht sofort den Lieferstatus und bezahlt mit wenigen Klicks. Am nächsten Morgen möchte er bei einem Dienstleister eine Offerte anfragen, findet aber erst nach langer Suche eine Kontaktmöglichkeit und wartet drei Tage auf eine Antwort.

Deine Kunden vergleichen dich nicht nur mit dem direkten Mitbewerber, sondern mit den besten digitalen Erfahrungen ihres Alltags.

Für KMU ist das keine Bedrohung, aber ein Auftrag: Jeder Kontakt muss einfach, verständlich und verlässlich sein.

Digitale Player verändern die Spielregeln

Früher war die Messlatte überschaubar. Wer eine Schreinerei hatte, wurde mit anderen Schreinereien verglichen. Wer Beratungen verkaufte, mit anderen Beratern. Heute prägen Twint, Netflix oder Zalando das Gefühl dafür, wie bequem und einfach ein Service sein sollte.

Kunden erwarten dabei nicht dieselben Möglichkeiten und technologische Raffinesse wie bei einem Digital-Konzern. Sie erwarten aber dieselbe Grundhaltung: Informationen sollen sofort verfügbar sein, Abläufe nachvollziehbar und Kontakte unkompliziert. Niemand möchte rätseln, ob eine Anfrage angekommen ist oder wann ein Rückruf folgt.

Das betrifft übrigens auch Unternehmen, die keine Produkte online verkaufen oder bereitstellen. Eine Terminvereinbarung, eine Offerte oder ein Serviceanfrage sind heutzutage meist ebenfalls digitale Kundenerlebnisse. Sobald etwas unnötig kompliziert wird, entsteht Frust und Ungeduld.

Andere Branchen machen es vor

Netflix schlägt Inhalte vor, die zum bisherigen Verhalten passen. Onlinehändler zeigen Lagerbestand, Liefertermin und Sendungsverfolgung. Banken informieren sofort über eine Kartenzahlung oder einen Zahlungseingang.

Kunden verlangen dabei nicht zwingend personalisierte Algorithmen oder eine eigene App. Sie erwarten aber Kontrolle, Tempo und Bequemlichkeit. KMU haben hier gegenüber Grossunternehmen echte Vorteile, die sie ausnutzen sollten: Online einen freien Termin buchen, eine automatisierte Bestätigung nach der Anfrage oder eine digital verfügbare Information zum Stand des Projekts können einfach und schnell umgesetzt werden.

Das gilt auch bei komplexen Leistungen. Wer eine Solaranlage plant oder eine Steuerberatung sucht, akzeptiert etwas mehr Aufwand oder Beratungstermine. Aber niemand akzeptiert unnötige Wartezeit oder unklare nächste Schritte.

Wichtig ist auch das Gesamtbild

Eine moderne Website allein schafft noch kein gutes Erlebnis. Wenn der Interessent nur über ein allgemeines Kontaktformular weiterkommt, keine Rückmeldung erhält oder im Verkaufsgespräch andere Aussagen hört, hinterlässt das ein schlechtes Gefühl.

Interessant ist: Eine fehlende Statusinformation wirkt auf Kunden meist negativer als eine Verspätung mit klarer Kommunikation.

Kunden bewerten die Berührungspunkte (Touch Points) mit deinem Unternehmen als Ganzes (die sogenannte Customer Journey). Sie trennen nicht zwischen Website, Verkauf, Administration und Service. Für sie ist alles dein Unternehmen.

Genau deshalb lohnt es sich, nicht nur die einzelnen Kontaktpunkte und Kanäle anzuschauen, sondern auch ob sie sauber miteinander verzahnt sind und die Übergänge funktionieren.

Digitale Kundenerlebnisse werden zum Erfolgsfaktor

Natürlich sollst du nicht jeden digitalen Trend mitmachen. Das ist teuer und meist wenig sinnvoll. Entscheidend ist, dass du dir überlegst, welche Erwartungen deine Zielgruppe bereits mitbringt und wo sie heute unnötigen Aufwand erlebt. Deine Antwort darauf muss zu dir und deinem Angebot passen.

Eine regionale Treuhandfirma braucht möglicherweise keine ausgeklügelte App. Sie profitiert aber enorm, wenn Mandanten Unterlagen einfach einreichen können und jederzeit wissen, was noch fehlt.

Die wichtigsten Erwartungen identifizieren

Betrachte zuerst die gesamte Customer Journey. Nicht aus Sicht der internen Abteilungen, sondern aus Sicht des Kunden. Oft liegen die grössten Probleme genau dort, wo intern niemand so richtig zuständig zu sein scheint.

Prüfe die wichtigsten Kontaktpunkte:

  • Findet ein Interessent auf der Website sofort Leistungen, Preise oder die richtige Ansprechperson?
  • Weiss der Kunde nach einer Anfrage, was als Nächstes passiert und wann er eine Antwort erhält?
  • Kann er seinen bevorzugten Kanal nutzen: Telefon, E-Mail, Formular oder Online-Buchung?
  • Erhält er bei Anfrage, Lieferung, Projektfortschritt oder Service immer eine verständliche Statusinformation?

Für diese Analyse brauchst du kein Forschungsprojekt. Führe zehn kurze Kundengespräche. Lies wiederkehrende Supportanfragen. Prüfe deine Webstatistiken und Google-Bewertungen. Frage die Leute mit viel Kundenkontakt. Sie kennen die Reibungspunkte.

Die passenden Möglichkeiten nutzen

Digitale Möglichkeiten zur Verbesserungen des Kundenerlebnisses gibt es wie Sand am Meer. Identifiziere die passenden Ansätze für Dich. Kunden eines Premium-Dienstleisters möchten vielleicht nicht mit einem Chatbot sprechen. Andere möchten ausserhalb der Bürozeiten selbst einen Termin buchen.

Unterscheide auch zwischen echter Erwartung und kurzfristigem Hype. Chatbots waren lange ein grosses Thema. Oft trat aber schnell eine gewisse Ernüchterung ein und die Kunden griffen wieder zu E-Mail und Telefon.

Eine Lösung ist sinnvoll, wenn sie Zeit spart oder Fehler reduziert. Sie ist überflüssig, wenn sie den Ablauf komplizierter macht und niemand sie nutzt. Die Frage für dich lautet: Würde diese Veränderung den Kunden helfen, sein Ziel schneller und sicherer zu erreichen? Wenn die Antwort unklar bleibt, braucht es noch keine Investition.

Verbesserungen in kleinen Schritten

Viele Geschäftsleitungen denken bei digitalen Kundenerlebnissen an einen teuren Relaunch, neue Software oder lange IT-Projekte. Doch die Wahrheit ist: Kleine, konsequent umgesetzte Verbesserungen schaffen oft mehr Wirkung als ein grosser Auftritt ohne klare Prioritäten.

Mit einzelnen Reibungspunkten beginnen

Suche die drei Probleme, die am häufigsten auftreten oder die grösste Reibung verursachen. Das können unklare Inhalte auf der Website sein, lange Antwortzeiten, Medienbrüche zwischen Verkauf und Administration oder fehlende Statusmeldungen.

Ordne mögliche Verbesserungen nach drei Kriterien:

  • Wie stark erleichtert die Massnahme den Kunden den Kontakt?
  • Wie viel Aufwand braucht dein Team für die Umsetzung?
  • Welche Wirkung hat sie auf Anfragen, Abschlüsse oder bestehende Kunden?

Ein verständliches Anfrageformular ist oft ein guter Anfang. Ebenso eine automatische Eingangsbestätigung mit realistischer Antwortzeit. Eine zentrale Wissensbasis hilft Mitarbeitenden zudem, im Verkauf und Support dieselben Informationen zu geben.

Das klingt klein. Für Kunden ist es spürbar.

Erfolg sichtbar machen und optimieren

Ohne Messung bleibt jede Verbesserung ein Gefühl. Beobachte deshalb Kennzahlen wie Antwortzeit, Abbruchquote bei Anfragen, Abschlussrate, Lösungszeit im Support, Wiederkäufe und Weiterempfehlungen.

Zahlen allein reichen jedoch nicht. Ein schneller Supportfall kann trotzdem schlecht gelöst sein. Frage deshalb nach dem Kontakt kurz und konkret nach der Zufriedenheit. Schon eine offene Rückmeldung auf die Frage «Was war bei diesem Ablauf unnötig mühsam?» liefert oft wertvolle Hinweise.

Lege für jede Massnahme eine verantwortliche Person fest. Prüft nach vier bis sechs Wochen gemeinsam, ob sich etwas verbessert hat. Wenn nicht, passt ihr den Ablauf an.

So bleibt das Kundenerlebnis kein einmaliges Projekt, sondern Teil deiner Führung und Kultur.

Fazit

Deine Kunden erwarten keine Technikshow. Sie erwarten, dass dein Unternehmen erreichbar ist, Zusagen einhält und den nächsten Schritt klar macht. Genau daran messen sie dich, auch wenn der Vergleich mit einem Digital-Konzern auf den ersten Blick unfair wirkt.

Ein überzeugendes digitales Erlebnis entsteht durch klare Kommunikation und verlässliche Abläufe. Starte nicht mit einem Grossprojekt, sondern mit einer Kundenreise und einem sichtbaren Reibungspunkt.

3 Fragen für dich

  1. Wo erleben deine Kunden heute den grössten Aufwand?
  2. Welche branchenfremde Erfahrung prägt ihre Erwartungen?
  3. Welche Verbesserung kann dein Unternehmen in den nächsten 30 Tagen umsetzen?
Aus derselben Kategorie